Mindestlohn für Praktikanten - wieso, weshalb, warum?

29.08.06 | 12:09 | robin

Jörg Tauss, bildungspolitischer Sprecher der SPD, hat sich im Info-Radio öffentlich für einen Praktikanten-Mindestlohn ausgesprochen und gleichzeitig die Arbeitgeberverbände aufgefordert, zu dem Thema Stellung zu beziehen. Passagen aus dem Interview:

Krahe: Sie wollen einen Mindestlohn, der muss sein, und Sie wollen Praktika zeitlich begrenzen?

Tauss: Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. Was mich sehr wundert, ist, dass der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände sonst zu jedem Thema sofort Stellung nimmt, in dieser Frage nun fast schon verdächtig auffällig schweigt. Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren, von sich aus sagen, wir wollen ein faires Praktikum, wir machen Angebote für die jungen Menschen, die bei uns tätig sind. In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert oder der hier in anderer Form tätig ist, auch etwas bekommt. Diese Selbstverständlichkeit gibt es in der Wirtschaft leider nicht. Und wenn es nicht freiwillig erfolgt, in der Tat, dann ist der Gesetzgeber gefragt. Ich glaube auch nicht, dass es hier noch langer Untersuchungen bedarf. Die Situation liegt klar auf der Hand, liegt auf dem Tisch sozusagen, und die Wirtschaft und die Politik sind aufgefordert, hier zu handeln.

Warum diese Forderung? Bisher ist in Deutschland weder tariflich noch gesetzlich geregelt, was Praktikant verdienen sollen. Zwar hat, wer hauptsächlich reguläre Tätigkeiten ausübt, gute Chancen, seinen Lohn einzuklagen – einen 'vorbeugenden' Schutz vor Ausbeutung gibt es aber nicht.

Deshalb ist einerseits, und das muss man an dieser Stelle auch einmal betonen, jeder Einzelne gefordert, sich für seine Rechte einzusetzen; zum anderen ist aber auch der Gesetzgeber gefordert. Wie eine gesetzliche Regelung aussehen könnte, haben die Jusos Bayern sich konkreter überlegt.

Okay, die SPD setzt sich dafür ein, schon mal super. Problem jedoch: Die CDU ist gegen Mindestlöhne, und das Bundesbildungsministerium wird von der CDU geführt. Der parlamentarische Staatssekretär im Ministerium, Andreas Storm (übrigens Stellvertreter von Roland Koch und Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU Mittelhessen) will denn auch 'bisher keine Anzeichen dafür erkannt haben, dass es ein Problem im Bereich der Praktika auf breiter Front' gibt. Das Ministerium will erst eine Studie der HIS abwarten, und die wird erst im Frühjahr nächsten Jahres fertig sein.

Sehr nötig, den guten Herrn Storm schon vorher unter Druck zu setzen! Aber nicht die einzige Möglichkeit, die Situation für unsereiner zu ändern.

Denn eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft, wie ein faires Praktikum im Rahmen des Studiums aussehen muss, ist keine Utopie. Vorgemacht hats bereits der Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA). Wichtigste Eckpunkte: Einbindung in Projekte, fester Betreuer, Dauer zehn Wochen bis sechs Monate, 350 Euro Minimum im Monat. Beteiligt haben sich bis dato 51 Agenturen.

Und so etwas, liebe Freunde der Sonne, braucht der Medienbereich dringend auch! (einige von euch haben vielleicht meine Mail ans Netzwerk gelesen).

Bei ver.di warte ich dazu noch auf Rückmeldung der Entscheider, die DGB hat schon reagiert und mich nächste Woche zu einem Gespräch eingeladen, wo wir ein Treffen mit Tauss und dem BDZV sowie Vertretern des Öffentlich-Rechtlichen initieren wollen.

Wer von Euch Lust hat, an einem solchen Treffen teilzunehmen, wer mit eigenen Erfahrungen den bisherigen Missstand deutlich machen sowie mitdiskutieren möchte; also ganz generell, wer auch die Schnauze voll hat, für umme zu arbeiten und was dagegen tun möchte:

Gleich hier aufm Blog oder Mail an robin.avram@email.de

Ich bin auf euer Feedback gespannt!

Kommentare:

SoNicht
Mindestlohn? Machst Du Witze?

Hört Euch mal meinen Fall an.

Im Jahre 2002 kam ich, der ich zu diesem Zeitpunkt arbeitslos war und in Meiningen wohnte, in Kontakt mit der Thüringer Akademie Erfurt GmbH (Unternehmensgruppe Dr. Döllekes). Dort berichtete man mir, dass die CIS Institut für Mikrosensorik gGmbH in Erfurt dringend qualifiziertes Personal zwecks Festanstellung suche. Ein Vorstellungsgespräch mit einem Vertreter der Thüringer Akademie Erfurt GmbH vor Ort im CIS Institut für Mikrosensorik gGmbH, an dem u.a. auch der Leiter desselben, Herr Dr. Freitag teilnahm, verlief positiv. Man teilte mir mit, dass ich zunächst ein unbezahltes Praktikum absolvieren müsse, während dem man sich einen Überblick über meine Fähigkeiten verschaffen wolle. Seien meine Leistungen während des Praktikums gut, so beabsichtige man, mich fest einstellen. Meine Leistungen waren, wie auch im Arbeitszeugnis bestätigt wurde, sehr gut.

Als man mich dann trotz der sehr guten Leistungen nicht wie versprochen nach 6 Monaten eingestellt hat, bin ich vors Arbeitsgericht Erfurt gezogen und habe, da natürlich von Seiten des CIS alles frech abgestritten wurde, den Arbeitsgerichtsprozeß verloren.

Da ich während des Praktikums und danach von Sozialhilfe lebte, mußte ich, um den Arbeitsgerichtsprozeß führen zu können, Prozeßkostenbeihilfe beantragen, die auch genehmigt wurde. Vor einigen Tagen habe ich nun ein Schreiben des Arbeitsgerichtes Erfurt erhalten, in dem die Kosten für den Arbeitsgerichtsprozeß in Höhe ca. 1400 EURO von mir zurückgefordert werden. Nicht genug damit, dass ich unbezahlt gearbeitet habe. Jetzt soll ich auch noch draufzahlen. Das kommt nicht Frage. Dieses Schreiben hat bei mir wieder alles - wie eine ins Unterbewußtsein abgetauchte und dort vermoderte Wasserleiche - hochkommen lassen. Ich empfinde die Demütigung, jemals unbezahlt gearbeitet zu haben, stärker als je zuvor. Schlimm ist, dass man das Trauma, unbezahlt gearbeitet zu haben, niemals mehr los wird. Der abgrundtiefe Hass auf diejenigen, die einen in einer Notlage, wie sie die Arbeitslosigkeit darstellt, auch noch ausgebeutet haben, wird mit den Jahren immer größer. Je mehr man verdient, um so mehr merkt man, wie sehr man ausgenutzt wurde.

Wer meint fleißige MA so behandeln zu können, gehört als asoziales Unternehmen ganz dringend an den Pranger gestellt.

Alle verdienten. Die CIS Institut für Mikrosensorik gGmbH, indem es eine Arbeitskraft unbezahlt schuften lassen konnte, die Thüringer Akademie Erfurt GmbH, indem sie Gelder der Arbeitsagentur einstreichen konnte. Nur ich war der Verlierer. Kein Lohn, keine Beiträge zur Rentenversicherung und psychische Probleme. Und jetzt noch die erwähnten Kosten des Arbeitsgerichtsprozesses. Es reicht!

Ich lebe übrigens jetzt in Baden-Württemberg. Glücklicherweise. Dass ich in den Osten zurückkehren werde, ist ausgeschlossen. Das jahrelange "Überangebot" an arbeitslosen hochqualifizierten Arbeitskräften im Osten hat zu einer Verrohung des Umgangs mit dieser volkswirtschaftlich wichtigsten Ressource durch die Unternehmen geführt, die kurzsichtig war und sich nun zu rächen beginnt.

Leute ich kann Euch nur raten: kein Praktikum. Verlangt direkt, was ihr Wert seid. Und wenn die Euch noch so oft erzählen, wie wichtig ein Praktikum. Die wollen die produktivste Zeit Eures Lebens für umsonst und erzählen dafür sonstwas für Märchen.

Und wenn Ihr in einem von Arbeitslosigkeit geplagten Bundesland wie Thüringen lebt, in dem man es sich wegen des (noch) reichlich vorhandenen Fachkräfte-Pools meint erlauben zu können, dieses wie den letzten Dreck zu behandeln und auszunutzen, dann mein weiterer dringender Rat: Nichts wie weg.

Viel Glück Euch.

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